Der US Secret Service hat im September 2025 nahe der UN-Generalversammlung in New York das nach eigenen Angaben größte SIM-Farm-Netzwerk der US-Geschichte ausgehoben: über 300 SIM-Server und mehr als 100.000 SIM-Karten, verteilt auf mehrere Standorte im Umkreis von rund 35 Meilen um das UN-Hauptquartier. Die Anlage hätte Mobilfunkmasten lahmlegen, Notrufe blockieren und anonyme Massennachrichten verschicken können. Bis heute (Stand Juni 2026) gab es keine Festnahmen, die Ermittlungen laufen weiter.
Was ist eine SIM-Farm – und warum ist sie gefährlich?
Eine SIM-Farm (auch SIM-Box genannt) ist ein Gerät, das viele SIM-Karten gleichzeitig aufnimmt – oft Dutzende bis Hunderte pro Box. Eine SIM-Karte ist der kleine Chip, über den sich ein Gerät im Mobilfunknetz anmeldet. Eine SIM-Box schaltet sehr viele dieser Chips zusammen und steuert sie zentral über Software. Nach außen sieht das Netz dann so aus, als telefonierten oder simsten Tausende ganz normale Handys – tatsächlich steckt eine einzige Anlage dahinter.
Es gibt durchaus legale Einsatzzwecke: Unternehmen nutzen SIM-Gateways für massenhaften SMS-Versand oder zum Testen von Mobilfunktarifen. Kriminell wird es, wenn solche Boxen für Gebührenbetrug (das Umleiten teurer Auslandsgespräche über billige lokale SIMs), für anonyme Kommunikation oder – wie in New York – für gezielte Angriffe auf die Netz-Infrastruktur eingesetzt werden. Genau diese Doppelnatur macht die Geräte für Ermittler so schwer fassbar.
Was die Behörden gefunden haben
Der Secret Service entdeckte die Hardware in mehreren verlassenen Wohnungen und angemieteten „Safehouses“ im Großraum New York – unter anderem in Armonk, Greenwich, Queens und New Jersey. Die zentralen Zahlen im Überblick:
- mehr als 300 SIM-Server an über fünf Standorten
- über 100.000 SIM-Karten – nach Behördenangaben die größte Sicherstellung dieser Art in den USA
- eine theoretische Kapazität von bis zu 30 Millionen SMS pro Minute
- laut Secret Service hätte das Netz eine verschlüsselte, anonyme Nachricht binnen rund zwölf Minuten an jeden Menschen in den USA schicken können
Kurz nach der ersten Razzia stießen Ermittler von Homeland Security Investigations in New Jersey auf weitere rund 200.000 SIM-Karten. Das deutet darauf hin, dass die Anlage noch größer war als zunächst gedacht.
Welche Angriffe ein solches Netz ermöglicht
Die Gefahr liegt nicht im Abhören, sondern im Überlasten und Blockieren. Mit Zehntausenden SIM-Karten lassen sich mehrere Angriffsarten fahren:
- Denial of Service (DoS) gegen Funkmasten: DoS bedeutet, ein System mit so vielen Anfragen zu überfluten, dass es für echte Nutzer nicht mehr erreichbar ist. Massenhafte Verbindungen können einzelne Mobilfunkzellen oder ganze Masten in die Knie zwingen.
- Blockade von Notrufen: Fällt das Netz in einem Gebiet aus, kommen auch 911- beziehungsweise 112-Anrufe und der Funk von Polizei und Rettungsdiensten nicht mehr durch.
- Smishing in großem Stil: Smishing ist Phishing per SMS – gefälschte Nachrichten, die zu Betrugsseiten locken. Mit dieser Kapazität ließe sich eine ganze Stadt in Minuten zumüllen.
- Anonyme Kommunikation: Ständig wechselnde SIM-Karten erschweren es, Absender zurückzuverfolgen – ideal für verdeckte Absprachen.
Special Agent Matt McCool vom New Yorker Field Office fasste es so zusammen: Das Störpotenzial für die Telekommunikation des Landes lasse sich kaum übertreiben – gekoppelt mit einem weiteren Ereignis während der UN-Generalversammlung hätte es für die Stadt katastrophal werden können.
Warum der Zeitpunkt so brisant war
Die Sicherstellungen fielen mit dem Beginn der UN-Generalversammlung zusammen, zu der fast 150 Staats- und Regierungschefs nach New York reisten. Die letzten Teile des Netzes wurden nach Behördenangaben nur Stunden vor einer Rede des US-Präsidenten vor der Vollversammlung abgebaut. Ein gezielter Mobilfunk-Blackout während eines solchen Großereignisses hätte Koordination, Personenschutz und Notfallkommunikation gleichzeitig treffen können. Eine direkte, bestätigte Verbindung zu einem konkreten Anschlagsplan gegen die Versammlung gibt es bislang allerdings nicht.
Stand der Ermittlungen
Geführt wird der Fall von der Advanced Threat Interdiction Unit des Secret Service, unterstützt von DHS, DOJ, ODNI und der New Yorker Polizei. Eine frühe forensische Auswertung deutet laut Behörden auf Funkverkehr zwischen staatlich gesteuerten Akteuren („nation-state actors“) und bereits bekannten Personen hin; in Berichten werden unter anderem Verbindungen zu chinesischen Akteuren genannt. Festnahmen gab es bis Juni 2026 keine, und ein Beamter warnte ausdrücklich, man solle nicht davon ausgehen, dass es kein weiteres solches Netz in den USA gebe. Die Untersuchung der sichergestellten Hardware – faktisch die Analyse Hunderttausender SIM-Karten – dauert an.
Was das für kritische Infrastruktur bedeutet
Der Fall zeigt eine unbequeme Wahrheit: Man muss kein Rechenzentrum hacken, um großen Schaden anzurichten – handelsübliche Mobilfunk-Hardware reicht, wenn man sie in dieser Menge bündelt. Mobilfunknetze gehören zur kritischen Infrastruktur, also zu den Systemen, deren Ausfall Gesellschaft und Sicherheit unmittelbar trifft. Für die Verteidigung heißt das: Netzbetreiber müssen ungewöhnliche Lastmuster und Massenanmeldungen früh erkennen, Behörden brauchen schnelle Wege, verdächtige Funkaktivität zu orten. Für alle anderen bleibt die nüchterne Lektion, dass die Robustheit eines Netzes nicht nur von Software-Updates abhängt, sondern auch davon, wie gut sich Missbrauch im Funkverkehr aufspüren lässt.
Quellen: Pressemitteilung des US Secret Service (secretservice.gov), CBS News, Fox News, CNN, The Hacker News (September 2025).
Häufige Fragen
Was ist eine SIM-Farm?
Eine SIM-Farm (SIM-Box) ist ein Gerät, das viele SIM-Karten zugleich aufnimmt und zentral steuert. Nach außen wirkt der Datenverkehr wie von tausenden echten Handys, obwohl nur eine Anlage dahintersteckt.
Wie viele SIM-Karten fand der Secret Service?
Bei der Razzia im September 2025 wurden über 300 SIM-Server und mehr als 100.000 SIM-Karten sichergestellt. Kurz darauf kamen in New Jersey rund 200.000 weitere Karten dazu.
Welchen Schaden hätte das Netzwerk anrichten können?
Es hätte Mobilfunkmasten überlasten, Notrufe blockieren und massenhaft anonyme SMS verschicken können – nach Behördenangaben bis zu 30 Millionen Nachrichten pro Minute.
Gab es Festnahmen?
Bis Juni 2026 hat der Secret Service keine Festnahmen gemeldet. Die Ermittlungen laufen weiter; eine frühe Analyse deutet auf Verbindungen zu staatlich gesteuerten Akteuren hin.
Sind SIM-Boxen generell illegal?
Nein. SIM-Gateways werden legal für Massen-SMS oder Tarif-Tests genutzt. Strafbar wird der Einsatz bei Gebührenbetrug, anonymer Tarnkommunikation oder Angriffen auf Netze.




