SMART-Werte richtig deuten: Ist die Festplatte noch gesund?

Geöffnete 3,5-Zoll-Festplatte und M.2-NVMe-SSD auf einer Antistatikmatte, daneben Werkzeug und SATA-Kabel

Kurz gesagt: SMART-Werte richtig deuten heißt, nicht auf die Gesamtampel des Tools zu starren, sondern auf wenige Attribute. Bei Festplatten sind das Reallocated Sector Count (05), Reported Uncorrectable Errors (187), Command Timeout (188), Current Pending Sector (197) und Offline Uncorrectable (198) — alles über 0 oder steigend heißt Verschleiß. Bei SSDs zählen „Percentage Used“ und „Available Spare“. Ein reiner CRC-Fehler ist dagegen meist nur ein lockeres Kabel.

Erst die Werte holen: drei Wege, zwei Minuten

Welches Werkzeug du nimmst, ändert nichts an den Zahlen — alle lesen dieselbe Selbstauskunft des Laufwerks aus.

  • Windows, alle Laufwerkstypen: CrystalDiskInfo (Version 9.9.2 vom Juli 2026, kostenlos). Es liest SATA-Platten, SATA-SSDs und NVMe-SSDs; für NVMe braucht es mindestens Windows 10 bzw. Server 2016.
  • Windows ohne Zusatzsoftware: PowerShell als Administrator öffnen und Get-PhysicalDisk | Get-StorageReliabilityCounter | Select-Object DeviceId, Wear, Temperature, ReadErrorsUncorrected eingeben. Das zeigt Verschleiß, Temperatur und unkorrigierbare Lesefehler — weniger detailliert als ein SMART-Tool, aber ohne Installation.
  • Nur NVMe-SSDs: Einstellungen → System → Speicher → Erweiterte Speichereinstellungen → Datenträger und Volumes → Laufwerk auswählen → Eigenschaften. Unter „Laufwerkzustand“ stehen geschätzte verbleibende Lebensdauer, verfügbarer Ersatzspeicher und Temperatur. Die Anzeige erscheint nur, wenn die SSD am Microsoft-Standardtreiber hängt.
  • Linux und macOS: Paket smartmontools installieren, dann sudo smartctl -a /dev/sda für SATA bzw. sudo smartctl -a /dev/nvme0 für NVMe.

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Rohwert, normalisierter Wert, Schwellwert

Jede Zeile in der SMART-Tabelle hat mehrere Spalten, und genau da steigen die meisten aus. Der Rohwert ist die tatsächliche Zählung des Laufwerks — hersteller­spezifisch und manchmal in mehrere Zahlen gepackt. Der normalisierte Wert (Current) rechnet das auf eine Skala von meist 100 oder 253 abwärts um: hoch ist gut. Der Schwellwert (Threshold) ist die Grenze, die der Hersteller festgelegt hat. Erreicht Current den Threshold, gilt das Attribut offiziell als „failed“ — und genau dann springt die Gesamtampel auf Rot.

Der Haken: Die Hersteller-Schwelle ist großzügig. Eine Platte kann bereits ein paar hundert wieder zugewiesene Sektoren haben und trotzdem noch „Gut“ melden, weil der normalisierte Wert erst weit unten anschlägt. Deshalb ist der Rohwert der interessantere Teil — und die Veränderung über Wochen wichtiger als der absolute Stand.

SMART-Werte richtig deuten: die fünf kritischen Attribute

Der Cloud-Speicheranbieter Backblaze betreibt eine der größten öffentlich ausgewerteten Laufwerksflotten der Welt — im ersten Quartal 2026 waren es gut 341.000 ausgewertete Datenplatten. Von über 70 möglichen SMART-Attributen nutzt Backblaze für die Ausfallprognose nur fünf, weil alle anderen zwischen Herstellern zu unterschiedlich befüllt werden. Diese fünf sind auch für deinen Schreibtisch-PC die Kurzliste:

Attribut (ID)Was es zähltWie deuten?
Reallocated Sector Count (05)Defekte Sektoren, die durch Reserve­sektoren ersetzt wurden0 = sauber. Ein einmaliger kleiner Wert ist tolerierbar, jeder Anstieg über Wochen ist ein Austausch-Kandidat.
Reported Uncorrectable Errors (187)Lesefehler, die die Fehlerkorrektur nicht mehr retten konnteMuss 0 sein. Alles darüber heißt: Es sind bereits Daten betroffen.
Command Timeout (188)Befehle, die das Laufwerk nicht in der Zeit beantwortet hatKleine Werte entstehen auch durch Strom- oder Kabelprobleme; dreistellig und wachsend ist ernst.
Current Pending Sector (197)„Schwebende“ Sektoren mit Lesefehler, die auf Neuzuweisung warten> 0 = akut. Der Sektor ist gerade nicht sicher lesbar, die Daten darauf können weg sein.
Offline Uncorrectable (198)Sektoren, die auch offline nicht mehr lesbar sind> 0 = harter Defekt. Sofort sichern, Austausch planen.

Zwei weitere Werte gehören zur Einordnung dazu, sind aber keine Todesurteile: UltraDMA CRC Error (199) zählt Übertragungsfehler auf dem Kabelweg, nicht Schäden an der Magnetscheibe. Und Power-On Hours (09) sagt nur, wie alt das Ding ist — 40.000 Betriebsstunden bei ansonsten sauberen Werten sind kein Grund zur Panik, wohl aber ein Grund, das Backup zu prüfen. Die Temperatur (194) sollte bei Festplatten dauerhaft unter etwa 50 °C bleiben.

NVMe-SSD: andere Namen, gleiche Logik

Bei NVMe-Laufwerken suchst du die klassischen Sektor-Zähler vergeblich. Der NVMe-Standard hat ein eigenes Gesundheitsprotokoll mit anderen Feldern:

  • Percentage Used: die Tankuhr für die Schreib-Lebensdauer. 0 % = fabrikneu, 100 % = die vom Hersteller garantierte Schreibmenge ist aufgebraucht. Der Wert darf über 100 % hinauslaufen; die SSD stirbt dabei nicht schlagartig, verlässt aber die Garantiezusage.
  • Available Spare und Available Spare Threshold: wie viel Reserve-Flash noch da ist, meist in Prozent, mit einer Warnschwelle von typischerweise 10 %. Fällt Available Spare unter diesen Threshold, setzt die SSD ein Critical-Warning-Bit — das ist der Moment für den Austausch, nicht erst der Totalausfall.
  • Media and Data Integrity Errors: Datenfehler, die die interne Korrektur nicht auffangen konnte. Soll 0 sein, jeder Wert darüber ist ein Warnsignal.
  • Unsafe Shutdowns: harte Stromabschaltungen. Hohe Werte sind kein Defekt, aber ein Hinweis auf Netzteil-, Standby- oder Abschaltprobleme.
  • Data Units Written: die geschriebene Datenmenge. Vergleiche sie mit dem TBW-Wert (Terabytes Written) aus dem Datenblatt deines Modells — das ist die härteste Einschätzung, wie weit die SSD wirklich ist.

Kurioses Detail aus der Praxis: Eine Systemplatte in einem normalen Büro- oder Familien-PC kommt in vier, fünf Jahren selten über 10 bis 20 % „Percentage Used“. Wer dagegen viel Video schneidet oder virtuelle Maschinen laufen lässt, sieht denselben Wert nach zwei Jahren. Der Verschleiß hängt an der Schreiblast, nicht am Kalender.

Ampel steht auf Gelb oder Rot — was jetzt?

Vor jeder weiteren Aktion: Daten sichern. Ein angeschlagenes Laufwerk kann beim nächsten Start endgültig aussteigen, und jeder Testlauf ist zusätzliche Belastung. Erst kopieren, dann diagnostizieren.

  1. Nur 199 (CRC) auffällig? SATA-Kabel tauschen, anderen Anschluss am Mainboard nehmen, bei externen Platten das USB-Kabel wechseln. Danach den Rohwert notieren und in ein paar Tagen erneut schauen — bleibt er stehen, war es das Kabel. SMART setzt den Zähler nicht zurück, die Vergangenheit bleibt also stehen.
  2. 05, 197 oder 198 über 0? Selbsttest des Laufwerks starten (sudo smartctl -t short /dev/sda, in CrystalDiskInfo unter „Funktion → Erweiterte Funktionen“). Bricht der Test mit Lesefehler ab, ist der Fall klar.
  3. Steigt einer der Werte innerhalb weniger Tage? Austausch fest einplanen und die Platte nicht mehr als einzigen Speicherort für etwas Wichtiges benutzen.
  4. SSD mit „Percentage Used“ nahe oder über 100 % bzw. Available Spare unter der Warnschwelle? Lesen funktioniert oft noch lange, neue Schreibvorgänge werden zum Risiko. Manche SSDs schalten am Lebensende in einen schreibgeschützten Nur-Lese-Modus — dann ist Kopieren die letzte Aktion, die noch geht.
  5. Alle Werte sauber, aber das System hakt trotzdem? Dann liegt es meist nicht am Laufwerk: zu wenig Arbeitsspeicher, eine fast volle Systempartition oder ein Treiberproblem verursachen dieselben Symptome. SMART grenzt genau das ein.

Werte, die schlimmer aussehen, als sie sind

Beim SMART-Werte richtig deuten sind Fehlalarme fast häufiger als echte Defekte. Diese drei Klassiker sorgen für unnötige Panik:

  • Riesige Raw Read Error Rate bei Seagate-Platten. Seagate packt in den Rohwert dieses Attributs mehrere Zähler gleichzeitig, deshalb erscheinen dort regelmäßig Zahlen im Millionen- oder Milliardenbereich. Das ist kein Fehlerzähler im wörtlichen Sinn — hier zählt der normalisierte Wert.
  • Externe Platte zeigt gar keine Werte. Viele USB-Gehäuse reichen SMART-Befehle nicht durch. Unter Linux hilft oft sudo smartctl -d sat -a /dev/sdb, sonst hilft nur: Platte ausbauen und direkt an SATA hängen.
  • „Vorsicht“ wegen eines einzelnen alten Ereignisses. SMART-Zähler laufen nur nach oben. Ein Wert, der vor zwei Jahren einmal auf 4 gesprungen ist und seitdem exakt dort steht, beschreibt eine überstandene Panne, keinen laufenden Verfall. Deshalb: Trend schlägt Momentaufnahme. Ein Screenshot alle paar Monate ist die einfachste Form von Laufwerks-Monitoring.

Warum SMART nicht alles sieht

Jedes moderne Laufwerk führt intern Buch: über ersetzte Sektoren, fehlgeschlagene Lesevorgänge, Temperatur, Betriebsstunden und — bei SSDs — über die Zahl der Schreibzyklen, weil Flash-Zellen nur eine begrenzte Menge davon überstehen. Genau diese Selbstauskunft ist SMART, und sie funktioniert gut bei allem, was schleichend kaputtgeht.

Sie funktioniert nicht bei plötzlichem Tod. Ein Controller-Defekt, ein Elektronikschaden nach Überspannung oder ein abgerissener Schreibkopf kündigen sich in keinem Attribut an. In den Backblaze-Auswertungen hatte zwar die Mehrheit der ausgefallenen Platten vorher mindestens einen der fünf kritischen Werte über null — ein spürbarer Rest aber starb ohne jede Vorwarnung. Ausführliche Quartalszahlen dazu veröffentlicht Backblaze in seinen Drive Stats.

Praktisch heißt das: SMART ist ein Frühwarnsystem, das dir im Idealfall ein paar Wochen Vorlauf verschafft. Es ersetzt keine zweite Kopie deiner Daten. Wer die Werte einmal im Quartal prüft und parallel ein aktuelles Backup hat, wird von einem Laufwerksausfall höchstens genervt — nicht getroffen.

Häufige Fragen

Welcher SMART-Wert ist der wichtigste?

Bei Festplatten Current Pending Sector (197) und Offline Uncorrectable (198): Beide müssen 0 sein, jeder Wert darüber bedeutet aktuell nicht lesbare Sektoren. Bei SSDs sind es „Percentage Used“ und „Available Spare“.

Wie viele reallocated Sectors sind noch in Ordnung?

Ein kleiner, seit Monaten unveränderter Wert ist tolerierbar. Entscheidend ist der Trend: Steigt Reallocated Sector Count (05) von Woche zu Woche, ist die Platte im Abbau und sollte ersetzt werden.

Was bedeutet „Percentage Used“ bei einer SSD?

Es ist der Verschleißanzeiger für die Schreib-Lebensdauer: 0 % heißt fabrikneu, 100 % heißt, die vom Hersteller garantierte Schreibmenge ist aufgebraucht. Die SSD läuft danach oft weiter, verlässt aber die Garantiezusage.

Kann ich SMART-Werte ohne Zusatzsoftware unter Windows sehen?

Ja, eingeschränkt. In PowerShell zeigt „Get-PhysicalDisk | Get-StorageReliabilityCounter“ Verschleiß, Temperatur und Lesefehler. Für NVMe-SSDs steht der Laufwerkzustand zusätzlich in Einstellungen → System → Speicher → Datenträger und Volumes.

Meine externe Festplatte zeigt keine SMART-Werte — warum?

Viele USB-Gehäuse reichen SMART-Befehle nicht an das Laufwerk durch. Unter Linux hilft oft der Zusatz „-d sat“ bei smartctl; sonst bleibt nur, die Platte auszubauen und direkt per SATA anzuschließen.

Marcel Meyer

# wer schreibt hier

Marcel Meyer schraubt seit über zehn Jahren an Rechnern, Netzwerken und Servern — beruflich wie privat. Hier übersetzt er IT-Grundlagen in verständliche Schritte.

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